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Altpapier

Wir sehen drei Stöße Papier am Boden aufgestapelt, Bücher, Hefte, Broschüren. Eine grob zusammengenagelte Bank, gehalten von der Wand, an der sie lehnt, dient als Regalablage. Der Beton-Estrich bröckelt. Ein unscheinbares Bild, das erst Gewicht bekommt, wenn man erfährt, was da dargestellt ist: die Bücherei und Lehrmittelsammlung einer äthiopischen Schulklasse. Der Münchner Pressefotograf Michael Westermann hat es uns dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

Was geht einem durch den Kopf? Schulbesuch in Äthiopien – große Klassen, Frontalunterricht, oft lange Schulwege, Schulgeld. Schulbesuch als Privileg ... aber auch mit der Aussicht auf sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Das weckt Motivation.

Gemessen daran sind unsere Schulen ungleich viel besser ausgestattet. Und die Motivation der Schüler? Das Bildungsideal hat viel von seinem Glanz eingebüßt. Schule wird häufig mehr als notwendiges Übel betrachtet. Man geht halt hin. Oder auch nicht.

Die Bücher und Hefte auf dem Bild sind sichtlich in Gebrauch. Und vermutlich auch wertgeschätzt. Unsere Tochter kam aus Äthiopien und staunte über unser Altpapieraufkommen. Tatsächlich hat man im Münchner Süden drei solche Stapel Papier in gut zwei Wochen zusammen. Zeitungen, Werbung, Hochglanzprospekte – alles Bücher in ihren Augen. Immer wieder fischte sie sich dort irgendwas heraus: Konsumgüter, Lifestyle, Accessoires, Wohlstandsverheißungen aller Art. Warum landet das nur alles im Abfall?

Wer noch etwas genauer auf das Bild schaut, erkennt am rechten Rand die kleine selbstgebaute Waage. Vielleicht findet sie dort im Mathematikunterricht Einsatz. Drei Stapel Papier wiegen in Deutschland dasselbe wie in Äthiopien. Aber – ist Papier gleich Papier? Und wie kommt die Waage ins Gleichgewicht?