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Dank

Ich saß mit einer Bekannten im Gasthaus und hatte wohl etwas zu laut darüber geseufzt, wie sehr unsere Familie nach der Adoption ins Wanken geraten war. Da mischte sich ein alter Herr, Ende 80, ins Gespräch: “Ich bin adoptiert, und ich weiß: Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich meinen Adoptiveltern.“

Später hat er mir seine Geschichte erzählt:

„Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Näherin, soweit ich weiß. Sie hatten kein Geld, um zu heiraten oder eine Familie zu ernähren. Also haben sie mich ins Waisenhaus gegeben, in Berlin, ein paar Jahre nach dem ersten Krieg. Ich war eineinhalb, da kamen meine späteren Adoptiveltern ins Waisenhaus, um sich ein Kind auszusuchen. Ich saß gerade auf dem Töpfchen und habe es später oft erzählt bekommen, ich habe meine künftigen Eltern so freundlich angeschaut (er sagte tatsächlich: ‚anjekiekt’) – da sagte mein Vater; ’Den nehmen wir!’ ‚Nein, den nicht,’ haben die Schwestern gesagt, ‚der hat doch Tuberkulose.’ ‚Det macht mir nüscht, den nehm ick trotzdem.’

Meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich gesund wurde, dass ich zur Schule ging und studieren konnte. Ich bin Ingenieur geworden. Mein Vater war Kaufmann, vielleicht hätte er lieber gesehen, wenn ich sein Geschäft übernommen hätte. Aber ich musste nicht.

Meine Adoptiveltern waren Juden, und mir ging es gut: Ich durfte Chanukka und Weihnachten feiern. Später haben sie meine Eltern abgeholt und nach Theresienstadt deportiert. Mein Vater ist dort gestorben, an Lungenentzündung, hieß es. Meine Frau und ich sind hingefahren und wollten irgendwie versuchen, meine Mutter da rauszuholen. Doch vor den Toren – Theresienstadt ist ja eine alte k.u.k.-Festung – da hat uns der Mut verlassen. Meine Mutter ist später nach Auschwitz gekommen und umgebracht worden.“

Er erzählte noch lange weiter, Krieg, Nachkriegszeit, bis heute.

„Ich habe ein gutes und erfülltes Leben gehabt. Ich weiß sehr wohl, was ich meinen Adoptiveltern zu verdanken habe. Und Sie, junger Mann – ich beneide Sie um Ihre Aufgabe.“