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Der Schwan

Sommerhochwasser am Starnberger See. Die Ufer der Bucht von St.Heinrich, sonst samstagabends gut bevölkert, liegen menschenleer vor uns. Wir platschen durch die überfluteten Wiesen bis zu einer Bank, wo man trocken sitzen kann. Wir haben den See ganz für uns. Fast: Ein Schwan schwimmt auf uns zu, zischt und faucht uns an, wirklich bedrohlich. Wir sehen uns um – kein Nest in der Nähe, keine gefährdete Brut, kein Grund zum Angriff. Ist er beleidigt, weil er Futter von uns erwartet und nicht bekommt? Will er die Bucht auch für sich allein? Was hat er?

„Vielleicht ist das wegen meiner braunen Haut.“ Sagt unsere Tochter.

‚Sicher nicht’ - die Antwort liegt uns schon auf der Zunge, verbunden mit einem unterdrückten Kopfschütteln über kindliche Naivität.

Gefolgt von Erschrecken: Wie erlebt sie unser Land, wo einen sogar die Tiere angiften? Und ausgerechnet ein Schwan, Vertreter der Weiß-Heit! Oder ist die Ablehnung ihrer Hautfarbe für sie etwas Naturgegebenes? Zum Glück hat sie hier noch kaum rassistische Anfeindungen erfahren – und jetzt dieser Vogel! Was geht wohl in ihr vor?

Den Schwan können wir vertreiben. Durch Klatschen und Drohen behaupten wir den Badeplatz. Doch das Bild in ihrem Herzen, das sich da für einen kurzen Moment offenbart hat, – lässt sich das umgestalten? Wir leben hier in einer sehr weißen, schwan-reichen Gegend. Ihr Anders-Sein werden wir nicht ändern können.