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Undank

Der englische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton lässt in einer Erzählung seinen Father Brown sinngemäß sagen: "Es gibt für einen Menschen keine größere Erniedrigung als zur Dankbarkeit verpflichtet zu sein." Und so wird in der Geschichte ein als Menschenfreund bekannter Unternehmer umgebracht, und Father Brown kommt den Tätern auf die Spur: Es sind drei Männer, die der Philantrop aus der Gosse geholt hat und die nun jedes Jahr am Jahrestag bei ihm vorsprechen müssen und einen neuen Scheck von ihm erhalten.

So weit soll und muss es bitte nicht kommen. Aber die Geschichte lehrt Vorsicht, gerade im Umgang mit adoptierten Kindern. Manchmal sehen sich Eltern hier mit verstörenden und verletzenden Verhaltensweisen konfrontiert, die auf Abgrenzung zielen und Abstand schaffen, wo sie selbst doch so sehr um Nähe bemüht sind. Manche Kinder vergolden ihre Vergangenheit, manche wollen mit ihrem Herkunftsland nichts mehr zu tun haben, insbesondere nichts von Kriegsbildern und Katastrophenberichten wissen. Könnte es nicht sein, dass solches Verhalten auch Abwehr ist gegen das Gefühl, den Eltern Dank schulden zu müssen? Ob dieses Gefühl von den Eltern erzeugt wird (hoffentlich nicht!), ob es berechtigt ist (was die Kinder oft durchaus zu erkennen in der Lage sind) oder nicht – das ist fast zweitrangig. Auch wenn Eltern überzeugt sind, mit der Adoption etwas Gutes getan zu haben (und darin auch von der Umwelt bestätigt werden), sie müssen versuchen, diese Abwehr in jedem Fall zu respektieren und einen selbstverständlichen Umgang zu schaffen, so schwer das mitunter auch fallen mag:– eine künstlich kreierte Selbstverständlichkeit.

Dankbarkeit ist ein wunder Punkt. Vielleicht wird man sie später, sehr viel später zu spüren bekommen, vielleicht in Situationen, wo man gar nicht damit rechnet. Man sollte am besten von Anfang an überhaupt nicht damit ‚rechnen’.

In Chestertons Satz geht es um nichts Geringeres als um Menschenwürde. Und es gehört zur Tragik vieler dieser Kinder, dass man gegen ihre Würde zu verstoßen droht, wenn man ihnen einen Weg zu einem würdigeren Leben erleichtern will.