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Zweiter sein

Das Haager Übereinkommen vom Mai 1993 gilt als Meilenstein in der rechtlichen Behandlung internationaler Adoptionen. Neben zwingenden Verfahrensvorschriften wird hier ausdrücklich das Kindeswohl über das (Adoptions-)Elterninteresse und die Adoption im Heimatstaat über eine Adoption in einen anderen Staat gestellt.

Man sollte meinen, diese Rangordnungen seien Selbstverständlichkeiten, die durch das Haager Abkommen lediglich bestätigt (und nicht etwa erst begründet) worden sind. Tatsächlich aber bedeutet es, dass wir Adoptiveltern und Adoptionsinteressenten mit unseren Interessen und guten Absichten als nachrangig gelten, als subsidiär.

Zweitrangigkeit aber muss man erst einmal aushalten. Auszuhalten ist ein langwieriges Verfahren, auszuhalten ist, dass es trotz geleisteter Zahlungen keinen Anspruch auf ein Kind gibt, dass es trotz bester Vorsätze nicht immer eindeutig ist, was wirklich als gut für das Kind gelten kann.

In vielen afrikanischen Ländern werden Kinder ohne Eltern oft noch von sozialen Netzen gehalten, leben bei Verwandten oder Nachbarn, ohne dass ein förmliches inländisches Adoptionsverfahren stattfindet. Oder (falls es Derartiges gibt) die offizielle Einrichtung einer Pflegschaft. Ist die internationale Adoption auch gegenüber solchen Fürsorgeverhältnissen subsidiär? Das Haager Übereinkommen nennt hier einerseits nur die (förmliche) Adoption im Heimatstaat und berücksichtigt solche faktischen Bindungen nicht. Andererseits kann der unbestimmte Rechtsbegriff ‚Kindeswohl’ so ausgelegt werden, dass auch andere Formen des Eingebundenseins zu berücksichtigen sind.

Was wir an Gutem wollen, muss also nicht immer das Beste für das Kind sein. Roelie Post, exponierte Gegnerin internationaler Adoption, beschreibt in ihrem Buch „Romania“ den Furor enttäuschter Bewerber angesichts des Adoptionsmoratoriums der rumänischen Regierung im Jahre 2001. So gut derartige Enttäuschung zu verstehen ist – das Subsidiaritätsprinzip verlangt, sie auszuhalten, es zu ertragen, auch einmal zweitrangig zu sein, es verlangt erwachsene Erwachsene.