Die Herkunftsfamilie

Viele Eltern haben bei der Abholung ihrer äthiopischen Kinder einzelne Mitglieder aus deren Herkunftsfamilie kennenlernen können. Die genauen Umstände einer solchen Begegnung waren so verschieden wie die einzelnen Familien. Über einen gewissen Zeitraum bot sich, zumindest bei einer der vermittelnden Agenturen, am Tage des Gerichtstermins die Gelegenheit für ein Gespräch im Anschluss an den offiziellen Akt. Derzeit scheint die Vereinbarung eines Besuches oder für ein Treffen der Iniative der Eltern überlassen zu sein, die sich an die Agentur wenden können, um hierfür deren Unterstützung zu erbitten. Entgegen immer wieder kursierender anderslautender Gerüchte ist es nach dem offiziellen Gerichtstermin zulässig (wenn auch nicht immer uneingeschränkt gerne gesehen), dass Mitglieder beiden Familien zusammenkommen.

Alle aufnehmenden Eltern sind sich nach der langen und umfassenden Vorbereitung auf die Adoption darüber im Klaren, dass jedes Kind ein uneingeschränktes Recht auf die Kenntnis seiner Herkunft und die Umstände seiner Abgabe hat. Insofern stellen wir hier keine grundsätzlichen Überlegungen zur diesbezüglichen Bedeutung eines „Familientreffens“ für das Kind an, sondern geben nur einige erfahrungsorientierte Hinweise zur Durchführung weiter.

 

Die wenigen Stunden, in denen neue Eltern den Menschen, bei denen das neue Kind seine erste Zeit verbracht hat, von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen können, bedeuten für alle Beteiligten aus beiden Familien langfristig einen unschätzbaren Gewinn.

Für die neuen Eltern gilt es zuerst, Ängste und Unsicherheiten zu spüren und zu überwinden - was sagt man, was tut man in dieser Situation? Dieser Prozess kann ungemein hilfreich sein, wenn es darum geht, nach der Vorfreude aufs Elternsein und nach der nervenaufreibenden Wartezeit nun auch andere Seiten wahrzunehmen, die mit dieser besonderen Form der Elternschaft einhergehen: Es gab immer eine erste Mutter und einen ersten Vater, andere Familienmitglieder, von denen sich das Kind trennen musste – das Treffen der neuen Eltern mit ihnen kann ein Anfang dazu sein, diese Tatsache auch gefühlsmäßig und ganz unmittelbar wahrzunehmen. Das kann eine gute Grundlage dafür werden, ein echtes Verständnis zu entwickeln, wenn es dem Kind in manchen Momenten einmal nicht leicht fällt, sich zu binden oder so zu verhalten, wie man es erwartet und gewünscht hätte.

Versucht man sich in die Lage der Zurückbleibenden zu versetzen, die nun das Kind fortgehen sehen, so wird man sich wünschen, ihnen von ganzem Herzen den gebührenden Respekt zu erweisen. Jede Familie wird, je nach der besonderen Lage und dem Altern des Kindes, eigene Wege finden, das zu tun. Die Ausnahmesituation, in der sich die abgebenden Familienmitglieder befinden, kann man sicher nicht schönreden; es ist umso hilfreicher, sich darauf innerlich vorher einzustellen.

Nicht nur im Interesse des Kindes, das später sicher häufig die Fotos von der Übergabe oder dem Treffen sehr häufig anschauen wird, ist es wichtig, solche Bilder anzufertigen, sondern auch für die Dortgebliebenen, die sie aufbewahren werden, um sich zu erinnern. Äthiopische Familien haben das Recht, die Entwicklungsberichte über die Kinder einzusehen und sich bei dem Waisenhaus, in das sie abgegeben wurden, nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Das erste Foto kann damit der Anfang zu weiteren Sendungen sein.

Man wird vermutlich sich selbst, aber mit Sicherheit die abgebenden Familienmitglieder überfordern, wenn man sich vornimmt, in der kurzen Zeit eines Besuchs oder Treffens eine vorgefertigte Frageliste abzuarbeiten, die das Kind betrifft. Je nach Situation ist es sicher möglich, die eine oder andere Frage zu stellen; es wird jedoch immer vieles offen bleiben, was man gerne gefragt hätte. Hier empfiehlt es sich auf alle Fälle, im Umfeld des Besuchs eine Kommunikationsmöglichkeit zu vereinbaren, vielleicht über die Sozialarbeiter der Waisenhäuser, die das Kind zuerst betreut haben, oder über andere Wege. Es ist dagegen aus einer Vielzahl von Überlegungen heraus sicher nicht ratsam, eine direkte Verständigungsmöglichkeit anzubieten.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Anwesenheit der Kinder bei der Begegnung. Wenn sie alt genug sind, um sich bewusst verabschieden zu können, wird ihnen niemand die Gelegenheit dazu verwehren, auch wenn es im Augenblick unendlich schmerzlich ist. Es kann aber unter Umständen für alle Beteiligten leichter sein, diesen Abschied eher knapp zu halten und große Teile des Gesprächs unter den Erwachsenen alleine zu führen. Sofern die Herkunftsfamilie besucht wird, ergibt sich diese Fragestellung nicht.

Aus der Sicht vieler Eltern bedeutet der Austausch mit der Herkunftsfamilie auch die Gewissheit, ihrem Kind später einmal zuverlässige Angaben über die Umstände seiner Adoption machen zu können; sie eröffnen dem Kind die Möglichkeit, sich über deren Rechtmäßigkeit zu vergewissern. Auch in dieser Hinsicht ist die Anbahnung einer Kommunikationsmöglichkeit unbedingt empfehlenswert: Dem Kind wird es dadurch später leichter möglich, bei Fragen zu seiner Abgabe die abgebenden Verwandten zu fragen und, wenn es möchte, den Kontakt wieder herzustellen.