das neue Guatemala?

In der Fachdiskussion war Guatemala lange Zeit das Land der unethischen Adoptionen. Adoptionen waren fest in der Hand von halbseidenen Anwälten und gekennzeichnet von Kinderdiebstahl, Entführungen, bezahlten Schwangerschaften, gekauften Kindern und gefälschten Dokumenten. Das Land selbst kam gerade aus einem blutigen Bürgerkrieg, in dem beide Seiten Kinder verschwinden ließen und dies zum Teil ihrer psychologischen Kriegsführung machten. Für die Bevölkerung Guatemalas wurden ihre Kinder gleich mehrfach instrumentalisiert.

 

Im letzten Jahrzehnt wurden 30.000 Adoptivkinder aus Guatemala hauptsächlich in die USA adoptiert. Die Kritik an den offensichtlichen Missbrauchsstrukturen hatten zu Beginn der 2000er Jahre zu einem Moratorium von Adoptionen aus Guatemala durch Kanada und einer Reihe europäischer Länder geführt. Die USA haben jedoch weiterhin Adoptionen aus Guatemala ermöglicht, bis das Land selbst Adoptionen vorübergehend stoppte, um die Haager Konvention umzusetzen. Reformen wurden durchgeführt, um Kinderhandel und Kinderdiebstahl zu verhindern. Ein DNA Test wurde für adoptierte Babies eingeführt. Bis zur Schließung des Landes wurde die Zahl amerikanischer Vermittlungsstellen auf 200 geschätzt. Dazu gehörten sowohl große und etablierte Vermittlungsstellen, wie auch kleine neue Stellen, die Adoptionen geschäftsmäßig betrieben. Es war unter diesen Umständen, dass eine Reihe ethischer Probleme mit skrupellosen Unternehmern entstanden.

Die Mehrheit der Kinder war unter zwei Jahre alt. Für das Jahr 2007 wurde geschätzt, dass eines von 100 neu geborenen Babies in Guatemala unmittelbar in ein Adoptionsverfahren gegeben wurde. Die Mütter der Babies wurden für die Abgabe regelmäßig bezahlt. Zudem wurden Kinder gestohlen. Die hohe Zahl der adoptierten und gestohlenen Babies führte zu einer hysterischen Debatte im Land. Umfragen zeigten, dass ein beträchtlicher Teil der Guatemalteken glaubte, dass die Kinder für Organtransplantationen getötet und missbraucht wurden. 2004 wurde eine japanische Touristin in einem guatemaltekischen Dorf von einem Lynchmob ermordet, weil die Dorfbevölkerung annahm, sie habe ein Baby gestohlen. Die Vereinten Nationen veröffentlichte einen sehr kritischen Bericht über Guatemala im Jahr 2000 und im Laufe der Zeit formierten sich mehr und mehr Initiativen, die den Stopp des Systems forderten.
Doch trotz der Debatte über die ethischen Bedenken, die selbst von der US amerikanischen Botschaft geteilt wurden, meldeten sich jedes Jahr über 4000 amerikanische Familien für eine Adoption aus Guatemala an. Es galt weiterhin als eine Möglichkeit einer schnellen und unproblematischen Adoption gesunder Kleinkinder. Erst im Jahr 2009 gab es die ersten Gerichtsverfahren gegen Kidnappen und einigen Mütter gelang es, ihre entführten Kinder in den USA aufzuspüren.

Warum ist die Erfahrung in Guatemala für Äthiopien relevant? Es gibt klare Unterschiede zwischen den Adoptionssystemen der beiden Länder. Noch ist kein Fall von Kinderdiebstahl oder Entführungen berichtet worden. In Äthiopien geht es auch nicht um Babies sondern in der Regel um verlassene Kleinkinder und Kinder.

Das verbindende Element zwischen Guatemala und Äthiopien ist der massive Anstieg von US amerikanischen Adoptionen und Vermittlungsstellen in Äthiopien, nachdem Guatemala von Anfang 2008 bis Ende 2009 geschlossen wurde. Viele der amerikanischen Vermittlungsstellen, die eher zu den Vermittlern mit geringen Hemmnissen gehörten, transferierten während dieser Zeit ihre Aktivitäten nach Äthiopien. In den Jahren 2008 und 2009 schoss die Zahl der Adoptionen aus Äthiopien in die Höhe. 2007 wurden 1.254 Kinder aus Äthiopien in die USA vermittelt, 2008 waren es 1.724 und für 2009 erwartet man 2.277. Damit haben sich die Zahlen innerhalb von drei Jahren verdoppelt.

Wie auch schon in Guatemala distanzieren sich die amerikanische Regierung und ihre Botschaften mittlerweile von den Praktiken der Vermittlungsstellen. Bei den bekannt gewordenen Fällen von gefälschten Dokumenten und Herkunftsgeschichten schoben die betroffenen Vermittlungsstellen die Schuld auf die äthiopischen Behörden. Sie seien weder verpflichtet noch berechtigt die Angaben der äthiopischen Gerichte und Behörden zu überprüfen, sagte der Anwalt der umstrittenen Vermittlungsstelle CWA in einem Bericht. Im Gegenteil, es sei unhöflich gegenüber der Regierung, die äthiopischen Dokumente anzuzweifeln. CWA ist die Vermittlungsstelle, der vorgeworfen wurde, Kinder in äthiopischen Dörfern direkt anzuwerben.