Der Kampf um Adoptionen


Mittlerweile ist der ideologische Kampf um Auslandsadoptionen voll entbrannt. Auf der einen Seite stehen Organisationen wie das Kinderhilfswerk Terre des Hommes, das sich aus der Vermittlungsarbeit zurückgezogen hat und UNICEF, das in den von Korruption betroffenen Ländern in der Regel auf der Seite der Kritiker steht. Auch einige Landesjugendämter in Deutschland stehen in dem Ruf, Auslandsadoptionen kritisch gegenüber zu stehen.

 

Auf der anderen Seite sind gerade in den USA die Vermittlungsstellen und Adoptiveltern gut vertreten und haben Verbindungen in höchste politische Kreise. In der Wissenschaft gibt es hochrangige Adoptiveltern, wie z.B. die Harvard Professorin Elizabeth Bartholet, die Loblieder auf die humanitäre Leistung der internationalen Adoption in der Weltgesellschaft veröffentlicht. Wie Roelie Post in ihrem Buch „Romania – For Export Only“ beschreibt, werden Auslandsadoptionen sogar zum Gegenstand internationaler Verhandlungen, wie z.B. im Fall von Rumänien. Die EU-Kommission machte den Stopp von Auslandsadoptionen zur Voraussetzung des EU-Beitritts und geriet dabei unter diplomatischen Druck der USA.

Die ideologische Auseinandersatzung schwankt zudem zwischen den beiden Extremen „Kinderrettung“ versus „Kinderhandel“. Kritiker sehen die korrupten Strukturen, den Verlust der Rechte der Eltern, den Identitätsverlust von Kindern, die unter vorgespiegelten Tatsachen gegen Geld ins Ausland an gierige Adoptiveltern verbracht werden. Manche, wie zum Beispiel die Betreiber der Website „Poundpuplegacy“ ziehen eine Heimunterbringung in den Herkunftsländern einer internationalen Adoption vor. Befürworter hingegen verweisen auf die elenden Bedingungen in Heimen in Entwicklungsländern, die materielle Not und die schlechte medizinische Versorgung von kranken Kindern. Angesichts der Not vieler Kinder ist es schwer, vernünftige Gründe für ihren Verbleib in schwierigen Verhältnissen zu akzeptieren.

In der öffentlichen Berichterstattung spiegelt sich dieser Kampf in genau diesen Lagern wieder. Entweder gibt es verherrlichende Darstellungen über die Rettung verwaister Kindern oder skandalisierende Berichte über Korruption und Kinderhandel (siehe die Sammlung des Schuster-Instituts und die Publikationen des Schuster Instituts selbst).

In letzter Zeit nimmt der Konflikt an Schärfe zu, und beide Seiten entwickeln neue Kampagnenformen. Befürworter fluten Regierungen mit Petitionen und Briefen, um gegen einen drohenden Adoptionsstopp zu protestieren. Adoptionsgegner, darunter Organisationen wie ACT (Against Child Trafficking), bilden Allianzen mit betrogenen Ursprungsfamilien sowie mit enttäuschten Adoptionseltern und Adoptionsbewerbern. Von hier fließen dann vertrauliche Informationen über mögliche Adoptionsskandale, die auch den Behörden übergeben werden und über die dann in den Medien berichtet wird. So wird die hilflose Lage von oftmals traumatisierten Familien für Kampagnen ausgenutzt.

Was es erstaunlicherweise nicht gibt, ist eine nüchterne Bestandsaufnahme über die Verbreitung von Korruption, über die Möglichkeiten der Wahrung von Kinderrechten in Auslandsadoptionen und die notwendigen Reformen zu deren Erhalt. Es gibt auch keine systematischen Untersuchungen darüber, wie hoch der Prozentsatz der zufriedenen erwachsenen Adoptierten ist und wie hoch der Anteil der gescheiterten Adoptionen. Es gibt keinen „neutralen“ Ort, an dem Argumente ausgetauscht und Evidenz geprüft würde und sich die Vertreter der beiden Lager nicht als feindliche Kontrahenten treffen würden. Es gibt viele Aktivisten und sehr wenig Fakten. Was für verlassene Kinder in armen Ländern das Beste ist, steht dabei selten im Zentrum der Debatte.

In dieser Situation sehen wir unsere Rolle in der Veröffentlichung von belastbaren und sachlichen Informationen. Emotional aufgeladene Beiträge in der Debatte gibt es wahrlich genug. Wir lehnen eine Veröffentlichung und Weitergabe von privaten Informationen ohne das Einverständnis der Betroffenen ab und beteiligen uns nicht an Kampagnen.