Frequently Asked Questions

1. Allgemeine Hilfe, individualisierte Hilfe

Die mit Abstand häufigste Frage an Adoptionsinteressenten und Adoptiveltern lautet: „Ist es nicht besser, das viele Geld, das eine Adoption kostet, zu spenden? Dann kommt es doch nicht nur einem einzelnen Kind, sondern einer Vielzahl zugute, vielleicht auch Familien oder dem ganzen Land!“

Lässt man einmal negative Berichte über das Spendenwesen und alle Kritik an entwicklungspolitischen Maßnahmen beiseite – wie könnte dann eine Antwort aussehen? Möglicherweise tritt ein, was (abgewandelt) ein jüdische Sprichwort sagt: ‚Die einen verstehen die Frage nicht, die anderen verstehen die Antwort nicht.’ Es sei trotzdem versucht.

Wer nur die ‚süßen Kinderfotos’ sieht, verkennt leicht, dass Adoption in aller Regel kein reines Zuckerschlecken ist. Grundsätzlich aber bedeutet Adoption zunächst einmal, ein Problem wirklich an sich heranzulassen, und zwar da, wo es mit Hilfe von Geld auf Abstand bliebe. Und es ist genau diese Nähe, die Adoptiveltern suchen und einzugehen bereit sind.

Adoption entspringt dem Wunsch, einem Kind eine dauerhafte und verbindliche Beziehung anzubieten. Einem konkreten Kind, wohlgemerkt, einem personalen Gegenüber. Eine Spende hat demgegenüber meist ein anonymes Ziel, ist in der Regel einmalig oder jederzeit kündbar. Adoption zielt dagegen auf Verbindlichkeit, zielt auf etwas, das mit Spenden so nicht erreichbar ist. Die eingangs zitierte Frage nach den Adoptionskosten verkennt die Motivation der meisten Adoptionsbewerber in diesem zentralen Punkt.

Das für Adoptiveltern Entscheidende geschieht nämlich erst NACH der Adoption, also nach all den finanziellen Aufwendungen. Das, was man auf dem Papier bereits ist, muss man im realen Leben erst noch werden. Soziale Elternschaft fängt überhaupt erst jetzt an, sich zu begründen und zu entwickeln. Insofern ist der Adoptionsstatus, für dessen Erlangung man Geld aufwenden muss, gar nicht das Ziel, sondern nur das Mittel – Ziel ist die jahrelange Aufgabe, die nun vor einem liegt.

Adoptiveltern wollen im Grunde etwas anderes geben als Geld. Sie bieten stabile persönliche Lebensverhältnisse mit allem, was dazu gehört. Mag sein, dass sich deren Wert auch irgendwie monetarisieren lässt – aber das interessiert Adoptiveltern in aller Regel nicht. Ihnen geht es nicht zuletzt um eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit, um die Unterstützung eines real anwesenden Gegenübers.

Vielleicht spielt hier doch auch ein Misstrauen gegen das (anonymere) Spendenwesen mit hinein. Gut, um zu erfahren, dass eine Hilfsleistung tatsächlich ankommt, könnte man sich auch selbst nach Afrika aufmachen und dort helfend tätig werden. Aber das ist nicht jedem gegeben, und persönliche Hilfe kann allein schon in der Struktur, die eine Familie zu bieten hat, liegen, geschieht also da, wo sich Haus und Küche, Tisch und Bett befinden.

Eine nächste ebenfalls häufige Frage lautet dann: „Aber warum müssen es denn z.B. äthiopische Kinder sein, warum nehmt ihr kein deutsches Pflege- oder Adoptivkind?“ Versucht man einmal, den Apartheids-Unterton dieser Frage zu überhören, so könnte eine Antwort lauten: So wie eine Familie allein schon als Struktur Halt zu bieten vermag, kann auch ein ganzes Land einem Menschen Halt geben. Frieden, Stabilität, Wohlstand und vergleichsweise soziale Sicherheit sollen auch Kindern anderer Länder und Regionen zuteil werden. Bedürftige deutsche Kinder leben immerhin in einem sicheren Land, viele andere Kinder nicht.

Das alles ist halb so edel, wie es vielleicht klingt. Ob sich diese Motivationen nämlich dann als stark genug, als tragend erweisen, ob sie ihr Ziel finden, ob die Familie gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Auch, ob noch andere Absichten dazu kommen. Der altrömische Wunsch allerdings, seinen Namen weiterzugeben, dürfte heute bei der Adoption keine große Rolle mehr spielen. Was man aber mit der Adoption zu erreichen hofft, liegt jedenfalls weit jenseits der erforderlichen Geldaufwendung; es ist darum schwer vorstellbar, dass jemand, dessen Adoptionspläne scheitern, nun die ersparten Beträge beziffert und diese dann spendet – vermutlich und hoffentlich wird er sich ein anderes Feld suchen, wo er etwas tun, etwas bewirken kann.

 

 

2. Formen konkreter und personalisierter Hilfe

Hilfsorganisationen haben natürlich ein Interesse, bei der Verwendung von Spendengeldern autonom zu agieren und vor Ort über den Einsatz der Mittel zu entscheiden. Allerdings versuchen viele Organisationen, dem Wunsch nach einer personalisierten oder zumindest zweckgebundenen Unterstützung Rechnung zu tragen.

So bieten sie z.B. Kinder-Patenschaften an: Die Spender unterstützen ein einzelnes Kind mit regelmäßigen Beiträgen, die Organisation vermittelt einen persönlichen Kontakt zwischen Kind und Paten. Das Kind lebt weiter in seiner Communitiy, und ein Teil der Spende soll auch der ganzen Gemeinschaft zugute kommen.

Kinderpatenschaften vermitteln Organisationen wie plan, World Vision oder die Kindernothilfe.

Das Patenschaftsmodell stößt allerdings auch auf Kritik. Bemerkenswert etwa, wie terre des hommes sich dazu äußert: Hilfe muss das Gemeinwesen fördern und nicht einzelne Personen herausheben. Es ist zumindest unwahrhaftig, mit Kinderpatenschaften zu werben, um dann mit den so gewonnenen Geldern doch Projektförderung zu finanzieren.

Einen anderen Weg beschreitet die noch junge Organisation Promoting Africa. Die erbetenen Spendengelder dienen erklärtermaßen der Förderung von Projektarbeit (meist im Bildungs-/Ausbildungsbereich). Zusätzlich kann dann ebenfalls der Kontakt mit einem einzelnen Jugendlichen vermittelt werden, durchaus mit der Möglichkeit, ihn auch mit Geld zu unterstützen. Doch im Vordergrund steht hier eher der persönliche Austausch.

Die bekannteste in Äthiopien tätige Hilfsorganisation ist Menschen für Menschen, die 1981von Karl Heinz Böhm begründet wurde.

Kinderpatenschaften bietet sie nicht an, wohl aber ausdifferenzierte Möglichkeiten, für konkrete Projektfelder. zu spenden. Eine Darstellung von Projekten und Personen, die von Menschen für Menschen unterstützt worden sind, bietet im Übrigen das sehr schöne (vergriffene, aber antiquarisch noch erhältliche) Buch ‚Nagaya heisst Frieden’ von Beate Wedekind: ein Seelenstreichler!

Zuletzt sei noch eine Organisation genannt, die sich auf ein einzelnes (allerdings elementares) Arbeitsfeld beschränkt, und so die Möglichkeit konkreter Unterstützung anbietet: die Wasserstiftung. Sie ist in inzwischen in vielen Ländern tätig. Für Äthiopien bietet sie z.B. die Möglichkeit an, einer Familie mit 100 Euro den Kauf eines Esels zu finanzieren, der auf einem lokalen Markt erworben wird und dann beim Wassertransport hilft.

 

3. Vision einer Internationalen Pflegschaft

Doch um noch einmal darauf zurückzukommen: Spenden und Hilfsaktionen sind ein hochsensibler Bereich. Sie greifen womöglich in lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe ein, sie müssen das Ehrgefühl der Empfänger respektieren, sie sollten darauf ausgerichtet sein, Eigeninitiative und Selbsthilfe zu fördern …Es ist ja nicht so, als gäbe es hier keine ethischen Fragen. Wer die Antwort darauf nicht delegieren, sondern in der Unterstützung eines realen Gegenübers selbst immer wieder suchen will, wird sich kaum mit Überweisungen zufriedengegeben. Er sucht sich Möglichkeiten gleich vor der Tür: Hausaufgabenbetreuung, Lesepatenschaften, persönliches Coaching. Besonders hinzuweisen sei auf die Möglichkeit, unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland zu helfen.

Wer aber seine Tür auch öffnen möchte, dem bieten sich dann eben Pflegschaft und Adoption an. Adoption schreckt viele durch die hohe rechtliche Verbindlichkeit ab, doch es ist umgekehrt genau diese Verbindlichkeit, die viele entwurzelte Kinder gerade brauchen. Über die Adoption führt auch der Weg zur Staatsbürgerschaft und damit zu einem einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Man darf sich hier nichts vormachen – ältere Kinder wissen ziemlich genau, wie viel mit diesem Dokument verbunden ist.

Trotzdem sei einmal als politische Vision das Modell einer Internationalen Pflegschaft gezeichnet: Man nimmt ein Kind aus einem anderen Land in Pflege, steht vielleicht sogar mit den leiblichen Eltern in Kontakt, ermöglicht ihm hier eine Ausbildung, die im Geburtsland so nicht möglich wäre – und stellt ihm nach Volljährigkeit frei, wohin es dann gehen möchte. Voraussetzung ist natürlich, dass die Option wirklich besteht, dann auch hier bleiben zu können. Was heute noch Zukunftsmusik ist.

Doch diese Vision kommt dem sehr nahe, was Adoption bereits jetzt in einem guten Falle bedeuten kann. Denn wie schon gesagt: Dass der eigene Name weiterlebt, dürfte heute bei der Adoptionsentscheidung keine große Rolle mehr spielen. Es geht doch meist darum, einem Kind einen besseren Schritt ins Erwachsensein zu ermöglichen, und wenn dieser Schritt irgendwann einmal aus dem Haus führt, dann sind es ohnehin die Kinder selbst, die ihn tun und auch lenken. Der Unterschied zu leiblichen Kindern ist hier idealerweise nicht mehr so groß, und die Kunst besteht für die Eltern hier wie dort darin, die die Kinder aus der Verbindung und der Verbindlichkeit freizulassen.

Bleibt die Frage nach dem Kontakt mit den ursprünglichen Eltern, mit dem Land der Geburt. Auch dahin führt noch ein weiter Weg, aber ein erster Schritt auf diesem Weg wäre es, bei der Adoption Eltern und Angehörige kennenzulernen, ein Schritt wäre es, die Adoptionsfreigabe zu entkriminalisieren – um die Kindesaussetzungen zurückzudrängen, ein Schritt wäre es, die Verfahren genauer zu fassen, vielleicht auch, die Adoption etwas zu entmystifizieren und von ihrem Ewigkeitssockel zu holen. Es ist ein weiter und sicher auch gewundener Weg, aber im Sinne einer Weltpflicht sollten uns auch ferne Kinder nah und solcher Anstrengung wert sein.