Grundsätze der Vermittlung

Wir meinen, dass eine Adoption äthiopischer Kinder nach Deutschland folgenden Standards entsprechen sollte:

Die Vermittlung von Kindern aus Äthiopien nach Deutschland sollte das Spektrum der in äthiopischen Heimen befindlichen Kinder abbilden, und somit die Chance für ältere und kranke Kinder auf eine Vermittlung erhöhen. Die Vermittlung der Kinder, die ins Ausland adoptiert werden, muss alleine in der Verantwortung der äthiopischen Behörden liegen.Viele Eltern wünschen sich aus gut nachvollziehbaren Gründen die Aufnahme eines jungen und gesunden Kindes. Wenn dieser Wunsch dazu führt, dass aus einem Land wie Äthiopien mehrheitlich Säuglinge vermittelt werden, dann ist das Prinzip der Orientierung am Kindeswohl durchbrochen. Die Statistik der Vermittlung in die USA zeigt, dass hier der Anteil an Säuglingen besonders hoch ist. Jedes Kind hat das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft und Umgang mit seiner Herkunftsfamilie und Herkunftskultur.

 

Im Fall eines offiziell abgegebenen Kindes, bei dem die leiblichen Eltern oder lebende Angehörige bekannt sind, sollte unabhängig vom Alter des Kindes auf einen Kontakt zwischen Adoptivfamilie und Herkunftsfamilie hin gearbeitet werden, sofern nicht gravierende Gründe dagegen sprechen.Halboffene (unter Einbeziehung der Vermittlungsstelle) und offene Adoptionen können dabei helfen drei zentrale Sorgen zu vermeiden, die sonst das Zusammenwachsen der Adoptivfamilien nachhaltig behindern können: Da ist die Sorge des älteren Kindes um die erste Familie, die offenbar zu arm und bedürftig war, es zu behalten. Da gibt es die Fragen der Kinder über die Gründe die zur Abgabe geführt haben. Das Wissen, dass die leiblichen Verwandten in ihrer ganz besonderen Situation nicht anders konnten, kann das „Abgeschobensein“ erträglicher machen, und Aufschluss über die Gründe können am besten die Menschen geben, die sie selbst hatten. Da existiert die Sorge um die Rechtmäßigkeit der Prozedur der Adoption. Eltern und Kindern tut es gut zu wissen, dass die offiziellen und die tatsächlichen Abgabeumstände als deckungsgleich angesehen werden können.

Auch wenn einer neu zusammenwachsenden Familie die Aufgabe schwierig erscheint, den Blick gleichzeitig nach vorn und in die Vergangenheit zu richten – es lohnt sich, bereits im Vorfeld einer internationalen Adoption diese Fragen und die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu überdenken. Hierzu wäre es hilfreich, wenn sich die vermittelnden Agenturen umfassender als bisher in der Pflicht sehen, Familien vor und nach der Adoption durch Beratung und Vermittlung spezialisierter Beratungsangebote zu unterstützen. Die vermittelnde Agentur hat die notwendigen Kontakte und Kenntnisse, um die aufnehmende Familie mit den notwendigen Informationen über die besonderen kulturellen Umständen im bisherigen Leben ihrer Kinder zu versorgen. Die besondere Situation mit Kindern aus einer fremden Herkunftskultur erfordert geeignete Unterstützungsmaßnahmen für Familien. Deshalb muss nicht nur die umfassende Vorbereitung, sondern die nachgehende kompetente und regelmäßige Betreuung von Adoptivfamilien in der Arbeit der Vermittlungsagenturen einen festen Platz erhalten.

Die Arbeit von Agenturen muss organisatorisch und finanziell transparent und nachvollziehbar sein. In Deutschland sind neben Vereinen in kirchlicher oder anderer Trägerschaft und neben staatlichen Stellen privat gegründete Vereine zur Adoptionsvermittlung zugelassen. Es ist fraglich, ob diese Vereine finanziell unabhängig vom Adoptionserfolg sein können. Im Unterschied zu Vermittlungen, die durch ein hohes Maß an ehrenamtlichem Engagement begleitet werden oder durch staatliche Stellen geleistet werden, birgt eine solche Organisationsform immer die Gefahr, dass finanzielle Ziele erreicht werden müssen, um die Organisation stabil zu halten. Dieser Gefahr muss durch große finanzielle Transparenz begegnet werden.

Die karitative Arbeit von Agenturen in den Herkunftsländern darf weder personell noch finanziell mit der Adoptionsvermittlung vermischt werden.Die äthiopische Regierung koppelt die Zulassung von Adoptionsagenturen an deren karitatives Engagement im Lande. Aus der Sicht der äthiopischen Seite ist diese Verknüpfung mehr als verständlich. Problematisch scheint sie aus unserer Sicht weniger, weil finanzielle Leistungen ins Land fließen, sondern immer dann, wenn eine Vermischung von adoptionsbezogenen Aufgaben einerseits und Sozialarbeit andererseits in den Händen einer einzigen Organisation Potential für Interessenkonflikte birgt.

Da Äthiopien definitiv auf unterstützende Sozialleistungen aus dem Ausland angewiesen ist, erscheint es illusorisch anzunehmen, Adoptionsagenturen würden in absehbarer Zeit aus der Verpflichtung für Hilfsleistungen für bedürftige elternlose Kinder im Land entlassen. Infolgedessen ist von Seiten der Vermittlungsorganisationen für vollständige Transparenz zu sorgen. Spender für Sozialprojekte dürfen nicht im Unklaren darüber gelassen werden, ob ihre Spenden bedürftigen äthiopischen Menschen, die im Lande bleiben, zu Gute kommen, oder der Sicherung der Zulassung einer Adoptionsagentur dienen. Die Sozialarbeit durch die Vermittlungsstellen darf keinesfalls in der Beratung werdender Mütter über die Möglichkeiten einer Adoptionsfreigabe bestehen. Kein Elternteil kann sich wünschen, ein Kind aufzunehmen, dessen Mutter aktiv auf dessen Abgabe hin beraten wurde. Der Einwand, eine entsprechende Adoptionsberatung existiere auch in Europa greift nicht, weil die Rahmenbedingungen der abgebenden Mütter weit auseinander liegen.

Als Eltern tragen wir die Verantwortung für das gesunde Heranwachsen unserer Kinder. Unsere Kinder werden als Erwachsene nicht von der Adoptionsagentur, die sie vermittelt hat, sondern von uns Eltern Rechenschaft darüber verlangen, warum sie hier und nicht dort aufgewachsen sind. Gerade verlassene Kinder, deren Herkunft nicht dokumentiert ist, werden sehr aufmerksam die Berichterstattung und die öffentliche Diskussion über Anwerbepraktiken und Kinderhandel verfolgen. Insofern ist es ureigenstes Interesse der aufnehmenden Eltern Transparenz von allen beteiligten Stellen zu fordern.